«Um das Jahr 2012 stürzte die geistige Gesundheit junger Menschen eine Klippe hinunter»

Der US-Sozialwissenschaftler Jonathan Haidt hat ein Buch über die Generation Z geschrieben. Er warnt, dass deren hohe Smartphone- und Social Media-Nutzung nicht nur zu veränderten Gehirnen führt, sondern ganze Demokratien ins Wanken bringen wird.

Haidt ist Professor an der New York University Stern School of Business. Im Juni erscheint sein Buch „Generation Angst: Wie wir unsere Kinder an die virtuelle Welt verlieren und ihre psychische Gesundheit aufs Spiel setzen“, das in den USA ein «New York Times»-Nr.-1-Bestseller wurde. Der neuen Zürcher Zeitung (NZZ) gab Jonathan Haidt am 08.04.2024 ein Interview über die psychische Verfassung der Generation Z  nach 15 Jahren Sozialisation durch soziale Medien. (1) Im Juni erscheint die deutsche Übersetzung seines Buches „Generation Angst: Wie wir unsere Kinder an die virtuelle Welt verlieren und ihre psychische Gesundheit aufs Spiel setzen“. Haidt sagt im Interview u.a.:

„Angstzustände, Depressionen, Selbstverletzungen, Selbstmord – all diese Kurven schießen nach oben. Im Jahr 2010 gab es dafür noch keine Anzeichen. Also ist um 2012 herum etwas passiert. Die einzige plausible Erklärung ist die weitverbreitete Nutzung von Smartphones in Kombination mit sozialen Netzwerken unter Kindern ab den frühen 2010er Jahren. Ich glaube, das ist die Ursache für diese globale Krise der psychischen Gesundheit: Die vollständige Umstellung von einer spielerischen Kindheit, die wir seit Millionen von Jahren hatten, auf eine telefonbasierte Kindheit.“

„So verpassen sie das breite Spektrum der Erfahrungen, die für eine gesunde Entwicklung notwendig sind. Ihr Gehirn wird auf ein Leben am Bildschirm eingestellt. Das macht sie kaputt.“

Einer seiner Lösungsvorschläge:

„Eine kollektive Lösung, die ich vorschlage, sind handyfreie Schulen … Kein Smartphone bis zum Alter von 14 Jahren. Zweitens: Keine sozialen Netzwerke bis zum Alter von 16 Jahren …“

„Die Kinder können diese Dinge innerhalb von ein paar Wochen lernen. Wenn Sie also Ihr Kind bis zum 18. Lebensjahr von allen sozialen Netzwerken fernhalten und es dann einen Job in einem Unternehmen bekommt, in dem es soziale Netzwerke nutzen muss, wird es das in ein paar Wochen lernen, und es wird ein voll funktionsfähiges Gehirn mit guten exekutiven Funktionen haben, so dass es sogar besser in dem Job sein wird.“

Experten aus Deutschland und der Schweiz fordern: Die Pädagogische Wende – Jetzt!

Diese Entwicklung, die Haidt im Interview in der NZZ drastisch beschreibt, führt gerade in vielen Ländern zum Umdenken*. Es ist erfreulich, dass auch in Deutschland und der Schweiz immer mehr Wissenschaftler den Mut haben, von der Politik eine pädagogische Wende einzufordern, wie im Appell von 40 Experten. Die Leitlinie zur dysfunktionalen Bildschirmnutzung für Kinder und Jugendliche, herausgegeben von 11 deutschen Fachverbänden, beschreibt die pathologischen Folgen und fordert die Umsetzung von Alternativen ein. (2) Diagnose:funk Vorstand Peter Hensinger hat zur Bedeutung dieser Leitlinie einen Fachartikel in umwelt-medizin-gesellschaft publiziert.

Die Beratungsresistenz deutscher Bildungspolitiker und ihre Wissenschaftsferne ist skandalös. Das betrifft übrigens alle (!) Bundestagsparteien. Für die Profite der IT-Konzerne wird die Schädigung der Kinder in Kauf genommen. Professor Ralf Lankau schreibt in dem gerade erschienenen Sammelband „Die pädagogische Wende“:

„Man darf gespannt sein, wie lange es dauert, bis diese und weitere Erkenntnisse über die Ambivalenz digitaler Medien und Dienste auch in Deutschland zur Kenntnis genommen werden und entsprechend gehandelt wird. Derzeit regiert noch der Fortschrittsglaube an die technische (Er-)Lösung, wenn die Verantwortliche für den Einsatz von Tablets in Kitas in Stuttgart, hingewiesen auf das Karolinska-Papier, mit dem erstaunlichen Satz antwortet: »In einem anderen Kontext mögen diese wissenschaftlichen Ansätze durchaus ihre Berechtigung finden, allerdings nicht im Zusammenhang mit dem Einsatz von Medien innerhalb unserer Einrichtungen.«

Diese Erkenntnisverweigerung eines Jugendamtes ist geradezu prototypisch für die selektive Rezeption wissenschaftlicher Studien in Deutschland. IT- und wirtschaftskonforme Untersuchungen werden gerne zitiert, obwohl der Nutzen nicht belegt werden kann (siehe UNESCO-Report). Kritische Positionen hingegen werden unterdrückt oder sogar diskreditiert. Das zeigt einmal mehr, dass Deutschland nicht nur der (in Teilen sinnvollen) Digitalisierung hinterherhinkt (Stichwort: Faxgeräte in den Gesundheitsämtern), sondern auch in der Diskussion über die Folgen der Nutzung von Bildschirmmedien für Kinder und Jugendliche wissentlich die Augen verschließt.

In Frankreich z. B. gilt seit 2010 ein Handyverbot im Unterricht, das 2018 zum Komplettverbot internetfähiger Geräte wie Handys, Tablets und Smartwatches in allen Schulräumen und bei schulischen Aktivitäten auch außerhalb des Schulgebäudes erweitert wurde. Die Niederlande führen 2024 ein Smartphone-Verbot ein. Bayern hingegen startet das Programm »Startchance.kita.digital«, mit dem Mitarbeiterinnen geschult werden (sollen), bereits Kita-Kindern frühzeitig einen »kreativen, kritischen und sicheren Umgang mit Tablets« zu vermitteln. Nicht thematisiert werden die Geschäftsinteressen der Anbieter solcher Geräte und Dienste – und die Folgen, wenn schon Kinder auf den Einsatz digitaler Endgeräte konditioniert werden.“ (S. 335) (3)

Das Interview bei der NZZ

„Um das Jahr 2012 stürzte die geistige Gesundheit junger Menschen eine Klippe hinunter“ Interview von Jonathan Haidt in der NZZ vom 08.04.2024

* Siehe auch: Wieder konzentriert unterrichten und lernen können. Weltweite Diskussion über Smartphoneverbote in Schulen


Quellen und Links

1) Diese Generation Z bezeichnet junge Menschen, die zwischen den Jahren 1995 und 2010 geboren sind. Im englischsprachigen Raum wird sie gerne als GenZ oder Gen Z bezeichnet. Sie folgt auf die Generation Y (auch Millennials genannt) und ist die erste Generation, die mit dem Smartphone aufwächt.


2) „Leitlinie zur Prävention dysregulierten Bildschirmmediengebrauchs in Kindheit und Jugend“, Hrsg: Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. (DGKJ) / Deutsche Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie e.V. (DG-Sucht) / Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin e.V. (DGSPJ) / Deutsche Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention e.V. (DGSMP) / Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e. V. (BVKJ) / Gesellschaft für Seelische Gesundheit in der Frühen Kindheit (GAIMH) / Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) / Deutsche Gesellschaft für Hebammenwissenschaft e.V. (DGHWi) / Deutsche Gesellschaft für Psychologie e.V. (DGPs) / Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes e. V. (BVÖGD) / Fachverband Medienabhängigkeit e.V.; mehr dazu auf https://www.diagnose-funk.org/2005


3) Ralf Lankau (2024): Perspektivwechsel. Emanzipierende IT-Konzepte für (Medien-)Technik und Unterricht, in: Ralf Lankau (Hrsg): Die pädagogische Wende. Über die notwendige (Rück-) Besinnung auf das Unterrichten, Beltz-Verlag, Weinheim